Die Forderung „Die Mauer muss weg!“ ist seit den späten 1980ern in aller Munde. Meistens sind Mauern Symbole für Trennung und Absonderung und damit mit einem eher negativen Image besetzt. „Die Mauer bleibt!“ hieß es hingegen in den vergangenen Wochen in der Neckarstadt-Ost.
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Es handelte sich hierbei zwar um keine Staatsgrenze, aber dennoch um eine Trennung zwischen zwei Stadtgebieten: Dem zivilen und dem ehemals militärischen Mannheim. Hinzu kommt, dass die Mauer die Gärten der Wohnanlage An den Kasernen nach hinten hin abschließt. So hat das Bauwerk für die Anwohner, die teilweise seit Jahrzehnten dort leben, eine positive Bedeutung, weshalb diese erbittert für den Erhalt der Mauer und auch ihrer angrenzenden Gärten gekämpft haben.
Doch was war der Anlass dieses Streits zwischen Anwohnern und GBG, Eigentümerin der Wohnanlage An den Kasernen?
Im Herbst 2012 kaufte die städtische MWSP, Tochtergesellschaft der GBG, das Turley-Areal zur städtebaulichen Entwicklung auf. Eine Neuvermessung des Geländes durch das kommunale Vermessungsamt führte zu dem Ergebnis, dass die Mauer, die eigentlich genau auf der Grenze von Turley verlaufen sollte, auf dem Nachbargrundstück liegt. Somit ragen die Gärten der Wohnanlage An den Kasernen auf die Fläche von Turley, was juristisch gesehen geduldet werden könnte, aber streng genommen nicht rechtens ist.
Einem Anwohner zufolge fand bereits im Herbst vergangenen Jahres eine Begehung der GBG-Verwaltung statt. Bewohner erhielten eine Ankündigung über geplante Arbeiten an den Außenanlagen der Häuser. Auf der anderen Seite der Wohnanlage waren indes die Bauarbeiten schon beendet, die Gärten dort wurden neu aufgeteilt, die Wege neu angelegt: Ordentlich, aber kahl wirkt die Grünanlage für die meisten.
Die kahlen “Hasenställe” sind keine Alternative
Fotos: Karlheinz Paskuda
Anfang Juni dann erhielten alle Bewohner von der GBG die schriftliche Kündigung für die Gärten – und zwar zum 30. Juni. Die Gärten ragten bis zu 1,70 Meter auf das benachbarte Grundstück auf Turley, weshalb die komplette Mauer abgerissen und die Gärten verlegt werden müssen, so die GBG. Die Gärten sollten durch voneinander abgezäunte Rasenflächen, wie sie bereits auf der anderen Seite der Wohnanlage existieren, ersetzt werden. Zu Recht löste dieses plötzliche Vorgehen einen Sturm der Entrüstung unter den Gärtnern an den Kasernen aus: Sie erreichten, dass die GBG von der Kündigung Ende Juni absah und ließ den Mietern bis August Zeit, die Gärten zu räumen. Die Pläne, die Mauer abzureißen und die Gärten zu verkleinern, blieben dennoch unverändert. Die 474 m², die vom benachbarten Grundstück beansprucht werden, sollen vollständig frei gemacht werden. Nur gestand Wolfgang Bielmeier, GBG-Geschäftsführer, den Gärtnern nun ein, die Entsorgung der alten Hütten und Pflanzen kostenfrei zu übernehmen sowie neue Gartenhütten ebenfalls auf Kosten der Wohnungsbaugesellschaft aufzustellen. Doch dieser Kompromissvorschlag stieß bei den Bewohnern auch nicht auf allzu große Begeisterung: Sie wollten ihre Gärten und Hütten möglichst vollständig erhalten. Zudem müssten durch den Mauerabriss bis zu 50 Bäume gefällt werden.
Die Kritiker dieses Angebots der GBG wandten sich schließlich Anfang Juli an den Petitionsausschuss des Landtages sowie an Stadt- und Bezirksbeiräte, von denen sie sich Unterstützung im Kampf um ihre Gärten erhofften. Den Vorschlag des Quartiermanagers Michael Lapp, einen Runden Tisch zu veranstalten, lehnte die GBG ab.
Die GBG verschärfte sogar noch ihr Vorgehen: Am 15. Juli erhielten die Bewohner ein Schreiben, in dem sie aufgefordert wurden, bis 18. Juli ihre Gärten endgültig aufzugeben. Die Gärtner waren außer sich.
Fotos: Dennis Ulas
An diesem 18. Juli war dieser Streitfall Thema der GBG-Aufsichtsratssitzung, bei der u.a. Stadträte Gerhard Fontagnier (Grüne), Reinhold Götz (SPD), Konrad Schlichter (CDU) und Thomas Trüper (LINKE) anwesend waren. Diese kritisierten die mangelhafte Kommunikation zwischen GBG, MWSP – Betreibergesellschaft der Konversionsflächen – und den Bewohnern. Roswitha Henz-Best, CDU-Bezirksbeirätin in Neckarstadt-Ost/Wohlgelegen, forderte nachdrücklich, „alles zum Erhalt der Gärten zu tun“, da sie eine große Bedeutung für die Anwohner hätten. Vertreter von NABU und Umweltforum, Paul Henze und Karlheinz Paskuda, lehnten Mauerabriss und Baumfällung aus ökologischen Gründen ab. Beschlossen wurde bei dieser Sitzung, eine Mieterversammlung am 31. Juli einzuberufen, was die GBG vorher nicht für nötig gehalten hatte.
Für diese Versammlung schließlich hatte sich der Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft vorgenommen, den Gartenbesitzern einen zufriedenstellenden Kompromissvorschlag zu unterbreiten. Von der GBG waren neben dem Geschäftsführer Wolfgang Bielmeier auch zahlreiche hochrangige Angestellte vertreten. Zu den etwa 50 anwesenden Anwohnern gesellten sich auch Stadträte Reinhold Götz und Thomas Trüper, Herzogenried-Quartiersmanager Michael Lapp sowie Bezirksbeiräte Roswitha Henz-Best (CDU) und Dennis Ulas (LINKE).
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Zunächst wurde der Status Quo aufgezeigt: Im Bereich der Sandsteinmauer (Grenadierstr. 16 und 18, An den Kasernen 8) gibt es keine Probleme mit der Grundstücksgrenze; von den Hausnummern 10 bis 22 ragen Gärten und Mauer bis zu 38 Zentimeter auf das benachbarte Grundstück; im hinteren Bereich (An den Kasernen 10 bis 28) sind es zwischen 1,33 Meter und 1,59 Meter; im Bereich des Maschendrahtzaunes auf der Rückseite des Wohnareals (Häuser 21a bis 27) sind es 1,70 Meter. Hinzu kommt, dass die Außenanlagen neuen Vorschriften entsprechend angepasst werden sollen: So müssen etwa für Rettungswagen die bestehenden Wege verbreitert und durch die Anlage von reinen Rasenflächen Versickerungsflächen geschaffen werden. Die Neuordnung solle aber unter dem Aspekt, dass alle Gartennutzer wieder einen Garten erhalten, erfolgen. Die GBG blieb bei ihrer bisherigen Zusage, Pflanzen und Hütten zu ersetzen sowie alle Entsorgungskosten zu übernehmen. Alle Bestandsgärtner sollen außerdem einen einheitlichen Pachtvertrag bekommen und ihre Gärten kostenfrei nutzen, solange sie an den Kasernen wohnen. Mit weiteren Angeboten versuchte die GBG den Gärtnern ebenfalls entgegenzukommen: Umzugshilfe, temporäre Einlagerung der Gartenmöbel, Ausgeben von Pflanzgutscheinen und Schaffung barrierefreier Zugänge. Bestehende Hütten und ähnliche Kleinbauten sollen versetzt werden; sollte dabei eine Hütte beschädigt werden, stellt die GBG eine neue auf. Zum Schluss präsentierte GBG-Geschäftsführer Bielmeier den geplanten Zuschnitt der Gärten nach Umgestaltung: 34 Gärten sollen es sein, wo es zuvor 38 waren. Da aber ohnehin mind. drei Gärten ungenutzt seien und im bereits umgestalteten Bereich auf der anderen Seite fünf zusätzliche Gärten geschaffen wurden, sei dies kein Problem, so Bielmeier. „Jeder Gartenbesitzer, der weiterhin einen Garten möchte, bekommt auch einen“, versicherte er. Allerdings müssen sich diejenigen bis spätestens 15. August, zwei Wochen nach der Mieterversammlung, bei der GBG melden.
Gemütlichkeit hinter der Mauer | Foto: Karlheinz Paskuda
Nach Vorstellung der Pläne gab es eine sehr ausführliche Stellungnahme einer Anwohnerin, die als Sprecherin der Bürgerinitiative auserkoren wurde. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte das rabiate Vorgehen der GBG, die fehlende Einbeziehung der Anwohner und hinterfragte einige Punkte der vorgestellten Umgestaltungspläne. So seien bepflanzte Gärten viel besser für die Versickerung von Regenwasser „als diese blanken Rasenflächen“ – dies habe ihr ein Gartenbaumeister erklärt. Die Eigentümerin des Nachbargrundstückes auf Turley, die Fliedner-Stiftung, störe es nicht, wenn die Grenzen nicht ganz genau eingehalten werden. Weiterhin berichtete sie, dass Mitarbeiter der GBG sehr großen Druck auf ältere Anwohnerinnen ausgeübt hätten, damit diese freiwillig auf ihre Gärten verzichten. Die „Hasenställe“, wie die eingezäunten Rasenflächen auf der anderen Seite der Wohnanlage genannt werden, würden die Anwohner nicht hinnehmen und wollten ihre natürlich gewachsenen Gärten um jeden Preis behalten. Weitere Anwohner hakten ebenfalls nach: Alle Bäume seien in den letzten Tagen markiert worden. „Sollen denn die ganzen Bäume gefällt werden?“, sorgte sich eine Anwohnerin.
Fotos: Dennis Ulas
Wolfgang Bielmeier versuchte Gegenargumente und Vorwürfe immer sofort auszuräumen und die aufgebrachten Mieter zu beruhigen. Zwischenzeitlich reagierte er jedoch sehr genervt und gereizt, als ob alle Sorgen der Bewohner an den Haaren herbeigezogen seien. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir keine gesunden Bäume fällen werden, so wahr ich hier stehe“, so der GBG-Geschäftsführer. Zwar saß Bielmeier dabei auf seinem Stuhl, aber alle anderen Angestellten neben ihm nickten zustimmend. „Das sind routinemäßige Prüfungen. Kranke oder beschädigte Bäume müssen zur Sicherheit gestutzt oder zur Not gefällt werden, sonst keine.“ Nach all den Versäumnissen könnte es sich die GBG auch nicht leisten, ihren Mietern in die Augen zu schauen und sie anzulügen. Allmählich machte sich Erleichterung unter den versammelten Mietern auf, nachdem alle Meldungen beantwortet wurden. Bezirksbeirätin Henz-Best dankte dem GBG-Vorstand für die späte, aber hilfreiche Mieterversammlung sowie den Anwohnern für ihr Engagement. Stadtrat Götz und Bezirksbeirat Ulas baten Bielmeier, die Rückmeldefrist wegen der Urlaubszeit auf September zu verlängern. Einen Mieterbeirat, der mehr Eigenverantwortung bei der Gartenverwaltung hätte, schlug Stadtrat Trüper vor. Quartiermanager Lapp merkte an, dass das Quartiermanagement bei solchen Vorhaben künftig von Anfang an miteinbezogen werden solle.
Ergebnis der Sitzung war letztendlich, dass alle Bäume, die Gärten in ihrer jetzigen Form weitestgehend und die Sandsteinmauer komplett erhalten bleiben. Die Bereiche, auf denen die Gärten zu weit auf das Nachbargrundstück ragen, kauft die GBG auf, damit rechtliche Sicherheit besteht. Die Backsteinmauer, die sich an die Sandsteinmauer anschließt, soll abgerissen werden, wenn dabei keine Pflanzen beschädigt werden, um einen offenen Durchgang zu Turley zu schaffen, daran angelehnte Hütten versetzt werden. „Die Mauer bleibt!“, grummelte am Ende noch eine Anwohnerin.
Foto: Dennis Ulas
Anfang dieser Woche erklärte ein älterer Anwohner in seinem Garten, er habe den Rückmeldebogen für seinen Garten bereits an die GBG zurückgesendet. „Wissen Sie, ich wohne hier seit 67 Jahren. Es gab nie Probleme mit den Nachbarn. Eigentlich wurden hier alle Gärten mehr oder weniger gemeinschaftlich genutzt“, berichtet der Senior, während er Unkraut jätet. „Hier vorne wollen sie ungefähr so viel wegnehmen, um den Weg zu verbreitern“, und zeigte dabei auf einen ungefähr 30 Zentimeter breiten Streifen – die Maße, um die der Gehweg zwischen Häuser und Gärten für Einsatzfahrzeuge verbreitert werden muss. Auf die Frage hin, ob es bereits Neuigkeiten vonseiten der GBG gäbe, winkte er ab: „Mal sehen, ob die ihre Versprechen halten“. Genauso reagierte auch eine andere Anwohnerin in ihrem Garten: „Die machen sowieso, was sie wollen. Bei der Versammlung haben sie viel gesagt, aber wer weiß, ob sie das auch einhalten?“
Die GBG hat viel Vertrauen in kurzer Zeit verspielt. Um dieses wieder herzustellen, wird es aber länger brauchen. Vor allem aber darf sie die Anwohner der Straße An den Kasernen bei der Umgestaltung der Außenanlagen nicht noch einmal vor den Kopf stoßen.
Dennis Ulas | Foto: Die LINKE Mannheim
Ein Gastartikel von Bezirksbeirat Dennis Ulas (LINKE).
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Die Forderung „Die Mauer muss weg!“ ist seit den späten 1980ern in aller Munde. Meistens sind Mauern Symbole für Trennung und Absonderung und damit mit einem eher negativen Image besetzt. „Die Mauer bleibt!“ hieß es hingegen in den vergangenen Wochen in der Neckarstadt-Ost.
Es handelte sich hierbei zwar um keine Staatsgrenze, aber dennoch um eine Trennung zwischen zwei Stadtgebieten: Dem zivilen und dem ehemals militärischen Mannheim. Hinzu kommt, dass die Mauer die Gärten der Wohnanlage An den Kasernen nach hinten hin abschließt. So hat das Bauwerk für die Anwohner, die teilweise seit Jahrzehnten dort leben, eine positive Bedeutung, weshalb diese erbittert für den Erhalt der Mauer und auch ihrer angrenzenden Gärten gekämpft haben.
Doch was war der Anlass dieses Streits zwischen Anwohnern und GBG, Eigentümerin der Wohnanlage An den Kasernen?
Im Herbst 2012 kaufte die städtische MWSP, Tochtergesellschaft der GBG, das Turley-Areal zur städtebaulichen Entwicklung auf. Eine Neuvermessung des Geländes durch das kommunale Vermessungsamt führte zu dem Ergebnis, dass die Mauer, die eigentlich genau auf der Grenze von Turley verlaufen sollte, auf dem Nachbargrundstück liegt. Somit ragen die Gärten der Wohnanlage An den Kasernen auf die Fläche von Turley, was juristisch gesehen geduldet werden könnte, aber streng genommen nicht rechtens ist.
Einem Anwohner zufolge fand bereits im Herbst vergangenen Jahres eine Begehung der GBG-Verwaltung statt. Bewohner erhielten eine Ankündigung über geplante Arbeiten an den Außenanlagen der Häuser. Auf der anderen Seite der Wohnanlage waren indes die Bauarbeiten schon beendet, die Gärten dort wurden neu aufgeteilt, die Wege neu angelegt: Ordentlich, aber kahl wirkt die Grünanlage für die meisten.
Anfang Juni dann erhielten alle Bewohner von der GBG die schriftliche Kündigung für die Gärten – und zwar zum 30. Juni. Die Gärten ragten bis zu 1,70 Meter auf das benachbarte Grundstück auf Turley, weshalb die komplette Mauer abgerissen und die Gärten verlegt werden müssen, so die GBG. Die Gärten sollten durch voneinander abgezäunte Rasenflächen, wie sie bereits auf der anderen Seite der Wohnanlage existieren, ersetzt werden. Zu Recht löste dieses plötzliche Vorgehen einen Sturm der Entrüstung unter den Gärtnern an den Kasernen aus: Sie erreichten, dass die GBG von der Kündigung Ende Juni absah und ließ den Mietern bis August Zeit, die Gärten zu räumen. Die Pläne, die Mauer abzureißen und die Gärten zu verkleinern, blieben dennoch unverändert. Die 474 m², die vom benachbarten Grundstück beansprucht werden, sollen vollständig frei gemacht werden. Nur gestand Wolfgang Bielmeier, GBG-Geschäftsführer, den Gärtnern nun ein, die Entsorgung der alten Hütten und Pflanzen kostenfrei zu übernehmen sowie neue Gartenhütten ebenfalls auf Kosten der Wohnungsbaugesellschaft aufzustellen. Doch dieser Kompromissvorschlag stieß bei den Bewohnern auch nicht auf allzu große Begeisterung: Sie wollten ihre Gärten und Hütten möglichst vollständig erhalten. Zudem müssten durch den Mauerabriss bis zu 50 Bäume gefällt werden.
Die Kritiker dieses Angebots der GBG wandten sich schließlich Anfang Juli an den Petitionsausschuss des Landtages sowie an Stadt- und Bezirksbeiräte, von denen sie sich Unterstützung im Kampf um ihre Gärten erhofften. Den Vorschlag des Quartiermanagers Michael Lapp, einen Runden Tisch zu veranstalten, lehnte die GBG ab.
Die GBG verschärfte sogar noch ihr Vorgehen: Am 15. Juli erhielten die Bewohner ein Schreiben, in dem sie aufgefordert wurden, bis 18. Juli ihre Gärten endgültig aufzugeben. Die Gärtner waren außer sich.
An diesem 18. Juli war dieser Streitfall Thema der GBG-Aufsichtsratssitzung, bei der u.a. Stadträte Gerhard Fontagnier (Grüne), Reinhold Götz (SPD), Konrad Schlichter (CDU) und Thomas Trüper (LINKE) anwesend waren. Diese kritisierten die mangelhafte Kommunikation zwischen GBG, MWSP – Betreibergesellschaft der Konversionsflächen – und den Bewohnern. Roswitha Henz-Best, CDU-Bezirksbeirätin in Neckarstadt-Ost/Wohlgelegen, forderte nachdrücklich, „alles zum Erhalt der Gärten zu tun“, da sie eine große Bedeutung für die Anwohner hätten. Vertreter von NABU und Umweltforum, Paul Henze und Karlheinz Paskuda, lehnten Mauerabriss und Baumfällung aus ökologischen Gründen ab. Beschlossen wurde bei dieser Sitzung, eine Mieterversammlung am 31. Juli einzuberufen, was die GBG vorher nicht für nötig gehalten hatte.
Für diese Versammlung schließlich hatte sich der Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft vorgenommen, den Gartenbesitzern einen zufriedenstellenden Kompromissvorschlag zu unterbreiten. Von der GBG waren neben dem Geschäftsführer Wolfgang Bielmeier auch zahlreiche hochrangige Angestellte vertreten. Zu den etwa 50 anwesenden Anwohnern gesellten sich auch Stadträte Reinhold Götz und Thomas Trüper, Herzogenried-Quartiersmanager Michael Lapp sowie Bezirksbeiräte Roswitha Henz-Best (CDU) und Dennis Ulas (LINKE).
Zunächst wurde der Status Quo aufgezeigt: Im Bereich der Sandsteinmauer (Grenadierstr. 16 und 18, An den Kasernen 8) gibt es keine Probleme mit der Grundstücksgrenze; von den Hausnummern 10 bis 22 ragen Gärten und Mauer bis zu 38 Zentimeter auf das benachbarte Grundstück; im hinteren Bereich (An den Kasernen 10 bis 28) sind es zwischen 1,33 Meter und 1,59 Meter; im Bereich des Maschendrahtzaunes auf der Rückseite des Wohnareals (Häuser 21a bis 27) sind es 1,70 Meter. Hinzu kommt, dass die Außenanlagen neuen Vorschriften entsprechend angepasst werden sollen: So müssen etwa für Rettungswagen die bestehenden Wege verbreitert und durch die Anlage von reinen Rasenflächen Versickerungsflächen geschaffen werden. Die Neuordnung solle aber unter dem Aspekt, dass alle Gartennutzer wieder einen Garten erhalten, erfolgen. Die GBG blieb bei ihrer bisherigen Zusage, Pflanzen und Hütten zu ersetzen sowie alle Entsorgungskosten zu übernehmen. Alle Bestandsgärtner sollen außerdem einen einheitlichen Pachtvertrag bekommen und ihre Gärten kostenfrei nutzen, solange sie an den Kasernen wohnen. Mit weiteren Angeboten versuchte die GBG den Gärtnern ebenfalls entgegenzukommen: Umzugshilfe, temporäre Einlagerung der Gartenmöbel, Ausgeben von Pflanzgutscheinen und Schaffung barrierefreier Zugänge. Bestehende Hütten und ähnliche Kleinbauten sollen versetzt werden; sollte dabei eine Hütte beschädigt werden, stellt die GBG eine neue auf. Zum Schluss präsentierte GBG-Geschäftsführer Bielmeier den geplanten Zuschnitt der Gärten nach Umgestaltung: 34 Gärten sollen es sein, wo es zuvor 38 waren. Da aber ohnehin mind. drei Gärten ungenutzt seien und im bereits umgestalteten Bereich auf der anderen Seite fünf zusätzliche Gärten geschaffen wurden, sei dies kein Problem, so Bielmeier. „Jeder Gartenbesitzer, der weiterhin einen Garten möchte, bekommt auch einen“, versicherte er. Allerdings müssen sich diejenigen bis spätestens 15. August, zwei Wochen nach der Mieterversammlung, bei der GBG melden.
Nach Vorstellung der Pläne gab es eine sehr ausführliche Stellungnahme einer Anwohnerin, die als Sprecherin der Bürgerinitiative auserkoren wurde. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte das rabiate Vorgehen der GBG, die fehlende Einbeziehung der Anwohner und hinterfragte einige Punkte der vorgestellten Umgestaltungspläne. So seien bepflanzte Gärten viel besser für die Versickerung von Regenwasser „als diese blanken Rasenflächen“ – dies habe ihr ein Gartenbaumeister erklärt. Die Eigentümerin des Nachbargrundstückes auf Turley, die Fliedner-Stiftung, störe es nicht, wenn die Grenzen nicht ganz genau eingehalten werden. Weiterhin berichtete sie, dass Mitarbeiter der GBG sehr großen Druck auf ältere Anwohnerinnen ausgeübt hätten, damit diese freiwillig auf ihre Gärten verzichten. Die „Hasenställe“, wie die eingezäunten Rasenflächen auf der anderen Seite der Wohnanlage genannt werden, würden die Anwohner nicht hinnehmen und wollten ihre natürlich gewachsenen Gärten um jeden Preis behalten. Weitere Anwohner hakten ebenfalls nach: Alle Bäume seien in den letzten Tagen markiert worden. „Sollen denn die ganzen Bäume gefällt werden?“, sorgte sich eine Anwohnerin.
Wolfgang Bielmeier versuchte Gegenargumente und Vorwürfe immer sofort auszuräumen und die aufgebrachten Mieter zu beruhigen. Zwischenzeitlich reagierte er jedoch sehr genervt und gereizt, als ob alle Sorgen der Bewohner an den Haaren herbeigezogen seien. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir keine gesunden Bäume fällen werden, so wahr ich hier stehe“, so der GBG-Geschäftsführer. Zwar saß Bielmeier dabei auf seinem Stuhl, aber alle anderen Angestellten neben ihm nickten zustimmend. „Das sind routinemäßige Prüfungen. Kranke oder beschädigte Bäume müssen zur Sicherheit gestutzt oder zur Not gefällt werden, sonst keine.“ Nach all den Versäumnissen könnte es sich die GBG auch nicht leisten, ihren Mietern in die Augen zu schauen und sie anzulügen. Allmählich machte sich Erleichterung unter den versammelten Mietern auf, nachdem alle Meldungen beantwortet wurden. Bezirksbeirätin Henz-Best dankte dem GBG-Vorstand für die späte, aber hilfreiche Mieterversammlung sowie den Anwohnern für ihr Engagement. Stadtrat Götz und Bezirksbeirat Ulas baten Bielmeier, die Rückmeldefrist wegen der Urlaubszeit auf September zu verlängern. Einen Mieterbeirat, der mehr Eigenverantwortung bei der Gartenverwaltung hätte, schlug Stadtrat Trüper vor. Quartiermanager Lapp merkte an, dass das Quartiermanagement bei solchen Vorhaben künftig von Anfang an miteinbezogen werden solle.
Ergebnis der Sitzung war letztendlich, dass alle Bäume, die Gärten in ihrer jetzigen Form weitestgehend und die Sandsteinmauer komplett erhalten bleiben. Die Bereiche, auf denen die Gärten zu weit auf das Nachbargrundstück ragen, kauft die GBG auf, damit rechtliche Sicherheit besteht. Die Backsteinmauer, die sich an die Sandsteinmauer anschließt, soll abgerissen werden, wenn dabei keine Pflanzen beschädigt werden, um einen offenen Durchgang zu Turley zu schaffen, daran angelehnte Hütten versetzt werden. „Die Mauer bleibt!“, grummelte am Ende noch eine Anwohnerin.
Anfang dieser Woche erklärte ein älterer Anwohner in seinem Garten, er habe den Rückmeldebogen für seinen Garten bereits an die GBG zurückgesendet. „Wissen Sie, ich wohne hier seit 67 Jahren. Es gab nie Probleme mit den Nachbarn. Eigentlich wurden hier alle Gärten mehr oder weniger gemeinschaftlich genutzt“, berichtet der Senior, während er Unkraut jätet. „Hier vorne wollen sie ungefähr so viel wegnehmen, um den Weg zu verbreitern“, und zeigte dabei auf einen ungefähr 30 Zentimeter breiten Streifen – die Maße, um die der Gehweg zwischen Häuser und Gärten für Einsatzfahrzeuge verbreitert werden muss. Auf die Frage hin, ob es bereits Neuigkeiten vonseiten der GBG gäbe, winkte er ab: „Mal sehen, ob die ihre Versprechen halten“. Genauso reagierte auch eine andere Anwohnerin in ihrem Garten: „Die machen sowieso, was sie wollen. Bei der Versammlung haben sie viel gesagt, aber wer weiß, ob sie das auch einhalten?“
Die GBG hat viel Vertrauen in kurzer Zeit verspielt. Um dieses wieder herzustellen, wird es aber länger brauchen. Vor allem aber darf sie die Anwohner der Straße An den Kasernen bei der Umgestaltung der Außenanlagen nicht noch einmal vor den Kopf stoßen.
Ein Gastartikel von Bezirksbeirat Dennis Ulas (LINKE).
Nachtrag:
Bei Facebook gibt es eine Gruppe namens Interessengemeinschaft – GBG Mietergärten „An den Kasernen“. Dort gibt es noch mehr Informationen und Fotos rund um die Gärten.
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